Am Sonntag, den 16. November 2025, gegen 11 Uhr, wurde die Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Aichach durch eine Bombendrohung in einen Ausnahmezustand versetzt. Die Polizei rückte mit Hundertschaften aus – Sprengstoffhunde, Spezialisten, Drohnen. Doch was sie fanden: nichts. Keine Bombe. Keine Tasche. Kein Zettel. Nur Stille in der spätgotischen Basilika, deren Mauern seit dem 12. Jahrhundert stehen. Der Gottesdienst mit rund 300 Menschen war bereits zu Ende, als die Drohung eintraf. Glück, oder ein gezielter Schlag gegen die Seele der Gemeinde? Die Antwort liegt im Dunkeln – und jetzt ermittelt der Staatsschutz.
Ein Gotteshaus im Fadenkreuz
Die Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt ist mehr als ein Bauwerk. Sie ist ein Ort der Gemeinschaft, der Tradition – und seit August 2024 auch ein Symbol für unkonventionelle Spiritualität. Damals sorgte Pfarrer Herbert Gugler für bundesweite Aufmerksamkeit, als er einen Fahrradgottesdienst veranstaltete. Ein Mountainbiker raste durch das Kirchenschiff, sprang drei Stufen hoch in den Chorraum, umrundete den Altar – und kehrte unter Applaus zurück. Das Video auf Instagram erreichte über 23 Millionen Klicks. Gugler wollte zeigen: "Vertrauen und Zusammenhalt laufen wie geschmiert." Ein Akt der Freiheit. Ein Zeichen der Lebendigkeit der Kirche.Jetzt, nur drei Monate später, wird genau diese Lebendigkeit zur Zielscheibe. Wer will die Kirche zum Schweigen bringen? Wer will Angst in einen Ort der Ruhe säen? Die Polizeiinspektion Aichach, Teil des Polizeipräsidiums Schwaben Nord, begann mit den Ermittlungen. Doch am Dienstag, den 18. November, übernahm der Staatsschutz. Das ist kein Zufall. Das ist eine Botschaft: Dies ist kein Scherz. Dies ist kein Wahnsinniger. Das ist politisch.
Warum jetzt? Warum hier?
Aichach, eine kleine Stadt im Landkreis Aichach-Friedberg, etwa 50 Kilometer westlich von München, ist kein Brennpunkt der Extremismusdebatte. Doch genau das macht den Vorfall so beunruhigend. Es geht nicht um große Städte oder bekannte Kirchen. Es geht um den Alltag. Um den Ort, an dem Familien zusammenkommen. Um den Ort, an dem Kinder getauft, alte Menschen begraben werden. Und jetzt: um einen Ort, der bedroht wird.Die Katholische Stadtpfarrei Mariä Himmelfahrt Aichach gehört zum Bistum Augsburg, geleitet von Bischof Bertram Meier. In den letzten Jahren wurden kirchliche Einrichtungen in Deutschland immer häufiger Ziel von Anfeindungen – von verbalen Attacken bis hin zu Sachbeschädigungen. Der Bundesamt für Verfassungsschutz dokumentierte im März 2025 einen Anstieg von religiös motivierten Straftaten um 27 % gegenüber dem Vorjahr. Doch Bombendrohungen? Das ist eine neue Dimension.
Warum genau diese Kirche? Weil sie sichtbar ist? Weil sie anders ist? Weil Gugler mit seiner Art der Predigt jemanden verärgert hat? Die Ermittler haben keine Namen. Keine Spuren. Nur die Tatsache: Die Drohung erwähnte explizit den Familiengottesdienst. Es war gezielt. Es war persönlich. Es war ein Versuch, die Gemeinde zu terrorisieren.
Was kommt jetzt?
Die Gemeinde reagiert still, aber entschlossen. Laut internen Gesprächen werden in den kommenden Wochen Sicherheitsmaßnahmen verschärft – ohne Details zu nennen. Keine öffentlichen Warnungen. Keine Panik. Aber: Keine Naivität mehr. Die Kirchtürme werden nicht mehr unbeaufsichtigt bleiben. Die Besucher werden kontrolliert. Die Gottesdienste, die sonst offen und einladend waren, werden jetzt mit einer neuen Vorsicht begleitet.Und was ist mit Gugler? Der Pfarrer, der mit dem Fahrrad durch die Kirche raste, bleibt im Hintergrund. Er spricht nicht. Er betet. Er hält die Gemeinde zusammen. "Wir werden nicht weglaufen", sagte ein älterer Gemeindemitglied am Montag, während er die Kirche verließ. "Aber wir werden nicht mehr so leichtfertig sein. Die Angst ist da. Und das ist schlimmer als die Bombe, die nie kam."
Die dunkle Seite der Digitalisierung
Interessant ist der Kontrast: Ein viral gewordener Gottesdienst, der Hoffnung und Freude verbreitete – und jetzt eine Drohung, die Angst säen soll. Beide sind Produkte der digitalen Welt. Doch während das Video die Gemeinde stärkte, könnte die Drohung sie spalten. Wer steckt dahinter? Ein Extremist, der konservative Werte verteidigt und Guglers "Unordnung" als Gotteslästerung sieht? Ein linksextremes Element, das Kirchen als Symbole der Macht attackiert? Oder jemand, der einfach nur Aufmerksamkeit will?Die Polizei hat bisher keine Hinweise auf eine Gruppe oder eine Organisation. Aber: Der Staatsschutz ist nicht für Scherze zuständig. Er ist für Ideologien. Für Systeme. Für Strukturen. Und das bedeutet: Dies ist kein Einzelfall. Es ist ein Signal. Vielleicht das erste von vielen.
Frequently Asked Questions
Warum hat der Staatsschutz die Ermittlungen übernommen?
Der Staatsschutz übernimmt nur dann, wenn politische, ideologische oder extremistische Motive vermutet werden. Die gezielte Nennung des Familiengottesdienstes und der zeitliche Abstand zum viralen Fahrradgottesdienst deuten auf eine bewusste Provokation hin – nicht auf einen zufälligen Scherz. Der Staatsschutz prüft, ob rechtsextreme oder antimodernistische Gruppen hinter der Drohung stecken.
Wie häufig kommen Bombendrohungen gegen Kirchen in Deutschland vor?
Solche Vorfälle sind selten, aber steigend. Laut dem Bundesamt für Verfassungsschutz gab es 2024 insgesamt 17 dokumentierte Bombendrohungen gegen kirchliche Einrichtungen – doppelt so viele wie 2021. Die meisten stammten aus rechtsextremen Kreisen, die Kirchen als "Symbol des Globalismus" betrachten. Aichach ist der erste Fall, bei dem eine Drohung nach einem viralen, modernen Gottesdienst erfolgte.
Welche Auswirkungen hat das auf die Gottesdienste in Bayern?
Viele Gemeinden in Bayern überdenken ihre Sicherheitskonzepte. Die Diözese Augsburg hat bereits interne Anweisungen verschickt, die mehr Personal an Türen, verdeckte Überwachung und Kooperation mit der Polizei vorsehen. Doch viele Pfarrer fürchten: Wenn die Kirchen zu Festungen werden, verlieren sie ihre Einladungskraft. Der Balanceakt zwischen Sicherheit und Offenheit wird immer schwieriger.
Warum wurde der Gottesdienst nicht abgesagt, als die Drohung kam?
Die Drohung traf ein, als der Gottesdienst bereits zu Ende war – die Gläubigen hatten die Kirche bereits verlassen. Die Polizei wurde alarmiert, nachdem die Nachricht bei der Leitstelle einging. Der Einsatz war eine Vorsichtsmaßnahme, um sicherzustellen, dass niemand in der Kirche mehr war – und um zu verhindern, dass eine Bombe später gezündet wird. Es war ein Präventivschlag – und er hat funktioniert.
Wie reagiert die katholische Kirche insgesamt auf diese Bedrohungen?
Die Deutsche Bischofskonferenz hat 2024 einen "Sicherheitsleitfaden für Kirchen" veröffentlicht, der Empfehlungen für Personalschulung, Videoüberwachung und Notfallpläne enthält. Doch viele Gemeinden, besonders in ländlichen Regionen wie Aichach, haben weder Geld noch Personal, um diese Maßnahmen umzusetzen. Die Drohung hier könnte ein Weckruf sein – und gleichzeitig eine Warnung: Die Kirche ist nicht mehr sicher, wo sie einmal Geborgenheit bot.
Was ist mit Pfarrer Gugler? Ist er Ziel der Drohung?
Obwohl er nicht öffentlich gesprochen hat, ist es wahrscheinlich, dass seine unkonventionelle Art der Pastoral die Drohung ausgelöst hat. Wer die Fahrradaktion als "Gotteslästerung" ansieht, könnte die Bombendrohung als Strafe verstehen. Der Staatsschutz prüft daher auch, ob Online-Kommentare oder anonyme Posts in sozialen Medien Hinweise auf einen Täter liefern – besonders aus Kreisen, die moderne Liturgie ablehnen.